WAS MICH BEWEGT
Anfang März lief die Fashion Week in Paris und viele Designer präsentierten auf den Laufstegen ihre neuesten Prêt-à-porter-Kollektionen, also die Entwürfe, die tragbar sind und dann im Herbst/Winter in die Stores kommen. Die Straßen, Restaurants und Hotels in Paris sind zu dieser Zeit sehr voll und letztere stark überteuert. Aus diesem Grund übernachte ich schon seit einiger Zeit in einem sehr kleinen Hotel abseits des großen Fashion-Zirkus, das zwischen den Quartiers Marais und Bastille liegt. Das Personal ist ausgesprochen freundlich und in dem hauseigenen Café, in dem auch das Frühstück serviert wird, kommt man bei nur sechs Tischen immer ins Gespräch mit anderen Gästen. Diesmal fragte mich morgens beim Kaffee ein junger Mann, ob ich ihm eine Kunstausstellung empfehlen kann … er suchte ein etwas kleineres Museum, als den Louvre, da er keine Lust hatte stundenlang in einer Schlange zu stehen. Es folgte ein lebhaftes Gespräch über Sehenswürdigkeiten in Paris und Umgebung. Und er erklärte mir, warum er ganz allein unterwegs sei. Es stellte sich heraus, dass er Israeli ist und die Familie geplant hatte, den 60. Geburtstag seiner Mutter in Paris zu feiern. Doch der frisch entbrannte Krieg zwischen Israel/USA und dem Iran hatte die Pläne zerstört. Die Flüge wurden gestrichen. Doch da er bereits in Paris war, behielt er die Hotelreservierung, um eine Woche die Stadt zu erkunden. Ich horchte auf und befragte ihn zur Situation seiner Familie in Israel, ob sie regelmäßig einen Bunker aufsuchen und zu weiteren Situationen des Alltags. Unsere Themen weiteten sich aus – ins Politische. Er erzählte mir von unterschiedlichen Diskussionen mit jungen Menschen und dass manche ihn als Israeli per se als „Killer“ bezeichneten. Es regte ihn auf, dass viele junge Leute aufgrund von Social Media- Posts Rückschlüsse ziehen. Ohne Wissen, ohne Quellen zur Geschichte oder zur Gesamtsituation. Und schon waren wir beim Thema Internet und Social Media und das Thema Wissen. Ich lächelte und sagte, dass bei mir die Informationsflut durch das Netz mehr und mehr zu der Erkenntnis des Philosophen Sokrates führt, dem der aus der Antike stammenden Satz „Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß“ zugeschrieben wird. Je mehr ich lese, sehe und erfahre, desto weniger habe ich das Gefühl zu erfassen, was echt und wahr ist. Ich habe zunehmend Schwierigkeiten Meinungen von Fakten zu unterscheiden und mir wird klar, dass mein Wissen nur ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Wissensuniversum ist. Er habe genau den umgekehrten Eindruck, sagte der junge Mann. Viele Menschen haben heute schnell eine Meinung oder meinen alles zu wissen, da ja alles im Netz steht. Das konnte ich nachvollziehen, das Netz und vor allem die neuen KI-Abstracts von Google & Co. geben schnelle Antworten, vermeintliches Wissen ohne Quellen und lassen kaum Spielraum sich noch wirklich eine Meinung zu bilden. „Ich lasse mich gerne auf Diskussionen ein mit Menschen, die geschichtliches oder politisches Wissen haben, aber es ist schwer mit Personen zu diskutieren, die einen als „Killer“ bezeichnen, weil ihnen ein Social Media Post das sagt, erläuterte er. Seiner Meinung nach fehlen dafür die Argumentationsketten, die Quellen, die Zusammenhänge. Er habe den Eindruck, dass eine gewisse Überheblichkeit à la „Dank Internet und KI weiß ich alles“ zunimmt. Viele Leute wiederholen Plattitüden, ohne selbst zu denken, so sein Gedanke.
Ein Gedanke, der mich auch schon länger umtreibt. Wie oft frage ich gerade junge Redakteur:innen nach den Quellen ihres Beitrags. Immer öfter muss ich sehen, dass aufgrund der „KI-Abstracts“ überhaupt keine dialektische Auseinandersetzung mit verschiedenen Meinungen oder Fakten unterschiedlicher Herkunft stattfindet. Früher musste man nach einer „Suchmaschinen-Suche“ die unterschiedlichen Artikel einordnen und sich seine Antwort erarbeiten. Das entfällt – wir werden faul und urteilen zu schnell. Vorurteile bahnen sich ihren Weg. Und Vorurteile können Minderheiten und einzelne Menschen vernichten. Das bewegt mich in diesen Tagen und ich suche (zum Leid meiner erwachsenen Kinder) immer gerne den Diskurs mit anderen Menschen, statt einer Maschine zu folgen. Wir haben die Freiheit dazu, dies sollten wir nutzen und schätzen.