BÜRO BÜRO
Mal wieder viel zu spät abends saß ich alleine im Büro, als die Tür aufging und eine völlig aufgelöste Reinigungsfachkraft hereinkam. „Ach, Sie sind noch da“, sagte sie, „dann muss ich Ihnen was erzählen“, und ohne Luft zu holen empörte sie sich laut über das Bürogebäude, in dem sie zuvor geputzt hatte. „Stellen Sie sich vor, da war zuvor eine Feier!“ Und sie berichtete, dass überall halbgefüllte Gläser standen, eine Rotweinflasche war samt Inhalt umgekippt, der Boden war klebrig, stinkende Fischhäppchen lagen im Papiermüll. „Meine Arbeit ist Staubsaugen, Schreibtische wischen, Papierkörbe entleeren — so wie hier bei Ihnen. Mir alles andere vor die Füße zu werfen, ist respektlos!“, rief sie mit osteuropäischem Akzent. Und dann sagte sie etwas, was mich stutzig machte: „Wissen Sie, ich habe einen Status, ich bin Mutter — so kann man mit mir nicht umgehen.“ Ich beteuerte ihr, dass sie recht habe und so ein achtloses Verhalten wirklich respektlos sei, was sie beruhigte.
Einmal den Ärger ausgesprochen, konnte sie sich ihrer Aufgabe zuwenden. Doch in mir drehten sich die Gedanken weiter um den Ausspruch „Ich habe einen Status, ich bin Mutter“. Tatsächlich haben Mütter per se einen Leistungsstatus — sie haben für einen neuen Menschen gesorgt, der in die Gesellschaft hineinwächst. Doch nach dem Hochhalten der Mutterschaft im Dritten Reich und der Kinder-Küche-Kirche-Zuweisung der 50er/60er-Jahre wird Mutterschaft in Deutschland nicht unbedingt positiv eingeordnet. Mit dem Status Mutter wird die Jobsuche schwieriger, während der Status eines Diplom- oder Doktortitels einem ein höheres Gehalt einbringt. Klar, welcher Status angesehener ist. Dennoch — einem Menschen das Leben geschenkt zu haben und ihn gut in die Gesellschaft einzugliedern, ist ein Status, der gewiss Achtung und Respekt verdient — und den man nicht nur einmal im Jahr zu Muttertag hochhalten sollte. Ich — ebenfalls Mutter von zwei Kindern — habe dann jedenfalls meinen Laptop zugeklappt, mit dem Gefühl und verschmitzten Gedanken: „Für heute habe ich genug geleistet — ich bin ja schließlich Mutter.“
|