WAS MICH BEWEGT
Eigentlich sollen doch Auslandsaustausch und Studien im Ausland zur Verständigung von Menschen beitragen. Sie offen machen für andere Kulturen, Neues erfahren und lernen.
Doch es scheint zunehmend das Interesse an Austausch und echter Begegnung verlorengegangen zu sein oder einfach nicht möglich zu sein. Als ich in den späten 80er Jahren und den 90er Jahren als Schülerin und Studentin im Ausland war, wurde mir sehr offen begegnet. Es fanden sich für mich und andere Schüler:innen Gastfamilien in Frankreich oder den USA, die für die Austauschüler:innen echte Gastgeber:innen waren, sie freundlich in den Alltag der Familien integrierten und sie mit auf Ausflüge nahmen, um ihnen Land und Leute näher zu bringen. Schon längst hat sich leider herumgesprochen, dass viele Austauschorganisationen sich schwertun, Gastfamilien für Jahres-Aufenthalte zu finden, dass die Gastfamilien bezahlt werden und manchmal sogar die „Toastscheiben abzählen“, damit sich das Modell für sie rechnet. (Natürlich ist das nicht die Regel und es gibt auch heute noch wunderbare Gastfamilien-Ausnahmen. Doch die Berichte über Kinder, die andere Erfahrungen machten, sind zahlreich.) Und so greifen Eltern für die Auslandserfahrung ihres Nachwuchses nach Boarding-Schools, sprich Internaten in England, Kanada oder den USA, die entsprechend teuer sind und nur noch für Eliten infrage kommen. Die englischsprachige Bildung ist perfekt, die Schulkultur wird auch vermittelt, das wirkliche Leben der Landsleute bleibt auf der Strecke – man bleibt unter sich. Oft gibt es auf den Schulen Cliquen der „Internationals“, sprich der Ausländer. Ähnlich verhält es sich bei den englischsprachigen Studiengängen bei Business-Schools im Ausland. Ob in Amsterdam, Maastricht, Kopenhagen oder Lissabon. Die Student:innen aus Deutschland, Frankreich oder Italien bleiben unter sich.
Oft unverschuldet – sie werden umworben an diese Unis zu kommen, um dann vor Ort zu erfahren, dass sie von der Bevölkerung und Kommilitonen des Landes nicht willkommen sind. Töchter meiner Freundinnen wurden in den Niederlanden beschimpft, weil sie anderen die Wohnung wegnehmen, Wohnungsbesitzer vermieten ganz offiziell auf Webseiten nur an „Dutch-Speaking-Students“ (und das, obwohl die meisten Niederländer hervorragend Englisch sprechen). Die Altstadt von Lissabon ist inzwischen so stark von internationalen Student:innen bewohnt, dass die Mieten völlig überzogen hoch sind und in vielen Lokalen und Restaurants nur noch Englisch gesprochen wird. Natürlich zum Frust der Einheimischen, die sich in der Stadt keine Wohnungen mehr leisten können. Das Ergebnis: offener Hass und einsetzende Gewalt, wie der Sohn meiner Freundin erfahren musste. Er und ein Kommilitone wurden nach einem Bar-Besuch auf offener Straße von Einheimischen zusammengeschlagen mit dem Hinweis, dass sie nicht erwünscht wären. Ähnlich erlebte er es gemeinsam mit vier weiteren Freunden beim Joggen: Sie liefen am späten Nachmittag am Ufer des Tejo entlang, als einer von ihnen sagte, er würde bei dem schönen Sonnenschein gerne ein Foto von allen machen. Er fragte auf Englisch eine junge Portugiesin, die ihnen entgegenkam: „Könntest Du ein Foto von uns machen?“ und reichte ihr sein iPhone. Diese nahm das Handy, schaute alle fünf Jungs an, dann schmiss sie das Handy kraftvoll auf den Betonboden, so dass es zersplitterte und schrie „Go home to your countries“. Auch dies ist eine Auslandserfahrung, aber sicherlich nicht die, die man sich für junge Menschen wünscht. Mit Verständigung und Kennenlernen anderer Kulturen hat das wenig zu tun. Klar, einige Student:innen geben sich vielleicht nur noch wenig Mühe beim Kennenlernen, aber ohne wahre Gastgeber:innen ist es auch sehr schwierig. Ich finde dies sehr traurig – Auslandsaufenthalte junger Menschen dienen oft nur noch als wichtiger Punkt auf dem Lebenslauf und dem Erlangen eines guten englischen Sprachschatzes. Die jungen Menschen und ihre Eltern werden zum Spielball von profitorientierten Unternehmen, die an diesen Bildungsmodellen beteiligt sind. Manchmal denke ich, dass Studierende bei einem Semester in einem anderen deutschen Bundesland, z. B. in NRW, kulturell mehr lernen und an Sozialkompetenz dazugewinnen könnten als an einer Business-School im Ausland. Ich habe den Eindruck, dass manche Schüler:innen noch nie außerhalb ihrer „Bubble“ unterwegs waren, da sie auch bei Auslandsstudien unter ihresgleichen bleiben. Social Media verstärkt dieses „sich Bewegen in der ganz eigenen Welt“. Zu einem Miteinander, zu Toleranz und Verständigung unter den Menschen trägt das nicht bei.