WAS MICH BEWEGT
Letzten Sonntag war ich bei Freunden zum Brunch eingeladen. Und wie es sich für einen Brunch gehört, gab es zwischen Quiche, Brötchen, Salat und Kuchen endlos Zeit für Gespräche. Nachdem wir einige Ideen gesammelt hatten, was demnächst ansteht und was man gemeinsam angehen könnte, sagte meine Freundin, ihr sei es ohnehin wichtig, sich mehr auf das zu konzentrieren, was ihr persönlich am Herzen liegt. Ihr sei nämlich klar geworden, dass wir eigentlich nur noch „20 gute Sommer“ hätten. Seitdem gehen mir diese Zahl und dieser Begriff nicht mehr aus dem Kopf: „20 gute Sommer“. Nicht, dass wir so alt wären. Aber sie argumentierte, dass mit den Jahren natürlich die Wehwehchen kämen und man auf manche Reisen oder Partys keine Lust mehr habe. Deshalb seien die nächsten 20 Jahre so wichtig.
Versuchen die explodierenden Longevity-Angebote nicht genau das: uns davor zu bewahren, dass die guten Jahre begrenzt sind? Sie versprechen hohe Vitalität bis ans Lebensende. Aber was, wenn dieses Versprechen nicht aufgeht? Sollten wir uns nicht lieber auf die nächsten 20 guten Sommer konzentrieren? Und sie mit Menschen, die wir lieben, an einem Tisch verbringen, statt in Kältekammern zu sitzen und auf vitale späte Jahre zu hoffen?
Mir kam sogar spontan die Idee, einen Kalender mit 20 Kästchen an die Wand zu hängen und einzutragen, was ich mir für die nächsten 20 Sommer wünsche – ähnlich einer Bucket List. So arbeite ich auch im Job: Ich plane die Seiten einer Marie-Claire-Ausgabe, notiere die Ideen darauf, und am Ende halten wir immer ein schön gefülltes Heft in den Händen. Was im Job funktioniert, kann doch auch privat gelingen, dachte ich. Coaches nennen das inzwischen Manifestieren. Sollte ich also die nächsten 20 Sommer für ein schönes Leben manifestieren? Mein Mann fand die Vorstellung „horreur“ – also den reinsten Horror –, und ich verwarf meinen Plan.
Einig sind wir uns jedoch darin, das Hier und Jetzt zu genießen. Mit dem, was wir mögen oder entdecken wollen, möchten wir nicht bis zur Rente warten. Und wir kamen überein, dass ein guter Sommer auch einfach darin bestehen kann, zu Hause auf der Terrasse ein Glas Wein (oder eine Tasse Tee) zu trinken. Die nächsten 20 Sommer dürfen kommen – ich sehe ihnen gelassen entgegen. Ob sie gut werden, wird sich dann zeigen.